Gespaltene Subjektivität – Linke Männlichkeit und sexuelle Grenzüberschreitungen. Für eine pro-feministische Praxis von Männern!

Der Text findet sich im Folgenden als Fließtext oder besser lesbar hier als PDF-Dokument mit Fußnoten.

In der Berliner und bundesweiten Linken wurde in den letzten Monaten verschiedene Fälle von sexuellen Grenzüberschreitungen, Übergriffen bis zu hin zu expliziter sexueller Gewalt bekannt gemacht. Diese Taten – vom Monis Rache-Festival über verschiedene Vorfälle im Umfeld von Hausprojekten und zuletzt in und um die Berliner Kollektivkneipen k-fetisch und tristeza – bilden nur die Spitze des Eisbergs einer leider alltäglichen sexuellen Gewalt in der Linken. Dass zuletzt mehr solcher Fälle bekannt wurden, verweist auch auf eine gestiegene Vernetzung und ein gesteigertes Selbstbewusstsein von Feminist_innen, die sich unermüdlich an den Ausformung (linker) Männlichkeit abarbeiten (müssen). Zugleich wurden dazu in den letzten Monaten nach unserem Wissen kaum Texte dazu von (heterosexuellen) Männern veröffentlicht. Auch um die Verantwortung zur inhaltlichen Auseinandersetzung nicht auf Frauen zu verschieben und ihnen damit eine doppelte Last als potenziell Betroffene und als Aufarbeitende aufzubürden, ist dieser Text entstanden. Der Text ist sicher unvollständig, soll aber einen Beitrag zur Diskussion um sexuelle Grenzüberschreitungen und Gewalt von linken Männern leisten.

Problembär Männlichkeit

Wir verstehen Männlichkeit nicht essentialistisch-biologistisch, sondern materialistisch als gesamt-gesellschaftliches Problem, als einen Pol des zwangsheterosexuellen Geschlechterverhältnisses, welches die bürgerlich-patriarchale Gesellschaft durchzieht und strukturiert. Männlichkeit ist keine primär individuelle oder moralische Angelegenheit, sondern eine Frage von institutionalisierter, öffentlicher wie privater Macht und Herrschaft. Auch von Subjektkonstitution und Habitus, der ab der frühesten Kindheit eingeübt wird. Und damit ist Männlichkeit eng mit dem Kapitalismus verwoben. Sexuelle Grenzüberschreitungen und Gewalt sind ebenso keine Problematik Einzelner, sondern der ganzen Gesellschaft. In der Regel sind Männer die Täter, meist sind Frauen die Betroffenen. Feminist_innen haben immer wieder darauf hingewiesen, dass es alltägliche männliche Praxen und Strukturen sind, die sexuelle Gewalt verharmlosen, verheimlichen und auch aktiv befördern, dass solche Taten Fortbestand haben. Dementsprechend gehen wir von einem Kontinuum von männlichem Dominanzverhalten über Grenzüberschreitungen hin zu Vergewaltigungen aus. Zugleich bleibt es wichtig, zwischen den verschiedenen Formen zu differenzieren bezüglich der Intention der Täter, des Ausmaßes der ausgeübten verbalen und/oder physischen Gewalt sowie des Leidens der Betroffenen.

Aus psychoanalytischer Perspektive hat Rolf Pohl auf den Zusammenhang von (heterosexueller) Männlichkeit und Misogynie hingewiesen, den er als Männlichkeitsdilemma benennt: „Nirgendwo ist der Mann schwächer als in der Sexualität […] Einerseits lastet auf ihm […] der Druck, autonom und keinesfalls abhängig zu sein. Andererseits bemerkt er in seinem Begehren, das er sehr wohl von Frauen abhängig ist. So ist in die Ausbildung von männlicher Sexualität eine ambivalente bis feindselige Haltung gegenüber Frauen und Weiblichkeit eingelagert.“. Männer bestrafen in dieser Hinsicht also mittels sexueller Grenzüberschreitungen und Gewalt Frauen für das Begehren, das sie bei Männern auslösen. Ein „Nein“ seitens Frauen können sie demzufolge nur schwer oder gar nicht akzeptieren, weil es ihren Narzissmus verletzt und ihr Selbstbild als autonomes, überlegenes Subjekt verletzt. Durch die Grenzüberschreitung bzw. die sexuelle Gewalt werden Frauen wieder auf den Rang der Untergeordneten und Ohnmächtigen verwiesen, ebenjene Position, die Männer so sehr fürchten und daher verdrängen. Dieses Modell ist sicher sehr schematisch, bringt unseres Erachtens jedoch eine unbewusste psychische Disposition vieler Männer auf den Punkt.

(Post-)Moderne Männlichkeiten
In den letzten Jahrzehnten hat sich das Geschlechterverhältnis aufgrund umfassender feministischer Kämpfe, aber auch parallel zur Weiterentwicklung des postfordistischen Kapitalismus modernisiert. An dieser Stelle können nur schlaglicht-artig einige Tendenzen dieser Transformation beschrieben werden. Kim Posster etwa weist auf den Wandel männlicher Herrschaft in der Sphäre der Lohnarbeit hin: „Bedeutende Teile der Arbeitswelt brauchen heute zum Beispiel keine offene Konkurrenz der Platzhirsche mehr, sondern ‚emotional intelligente‘ Team Player. Die nach wie vor bestehenden Boys‘ Clubs gesellschaftlicher Machtzentren […] basieren nicht mehr auf einer klassischen patriarchalen Hackordnung, sondern auf flacheren Hierarchien, deren reibungsloser Ablauf von klassichen Mackergehabe eher gestört als befördert wird“. Sarah Speck schreibt hinsichtlich ihrer Studie zu reproduktiven Arrangements in scheinbar aufgeklärten, städtisch-modernen Milieus von „Konstellationen […], in denen die Frauen unter hohem beruflichen Druck die Familie am Laufen halten und die Männer, viele von ihnen in künstlerischen oder Kreativberufen tätig, Stunden um Stunden im Atelier, in ihrer Werkstatt oder Bürogemeinschaft verbringen“. Obwohl viele dieser alternativen Männer zwar im Gegensatz zu ihrer Väter-Generation verbal ihr Interesse und ihre Beteiligung an der Reproduktionsarbeit betonen, verbleibt in der Realität sowohl der Großteil der Sorgearbeit wie auch der emotionalen Last wieder bei den Frauen.

Offenbar existiert heutzutage eine gewisse, mitunter widersprüchliche Vielfalt an Erscheinungs-formen von Männlichkeit, die auch klassen-/schichtspezifisch variieren. Tradierte Formen soldatischer oder sportlicher Männlichkeit oder das im Fordismus hegemoniale Bild des männlichen Alleinverdieners wurden in den letzten Jahren zwar nicht überwunden, aber ergänzt um Formen kreativ-autonomer, kritisch-selbstreflexiver oder auch (scheinbar) egalitär-sorgendener Männlichkeit. Die Pluralität von Männlichkeitsformen macht in diesem Sinne auch eine Pluralität feministischer Kritik notwendig.

Gute Männer – schlechte Männer?

In den letzten Jahren ist hier der Begriff „toxische Männlichkeit“ in Mode gekommen, um insbesondere die stereotypen, repressiven Vorstellungen der männlichen Geschlechterrolle zu kritisieren. Damit soll auch das eigene Leiden von Männern an den Idealen von Härte, Konkurrenz und Autonomie thematisiert werden. Zugleich wird der Begriff in der Praxis meist auf bestimmte Formen der Hypermaskulinität bezogen. Zur Aufteilung in toxische und kritische Männlichkeit heißt es in einem pro-feministischen Text: „Solche Unterscheidungen in gute und schlechte Männlichkeit halten wir für problematisch: Sie machen dem männlichen Bedürfnis nach Identifikation mit Männlichkeit ein Zugeständnis […] und vollziehen Modernisierungsprozesse patriarchaler Geschlechterverhältnisse auf der Sprachebene unkritisch nach: Längst ist es Teil neoliberaler Männlichkeitsanforderungen, dass auch cis Männer ihre Männlichkeit zum Teil bewusst gestalten, um besser zu funktionieren“. Das Konzept Toxische Männlichkeit kann so gesehen auch als eine Art Extremismustheorie der Männlichkeit verstanden werden. Nicht zufällig heißt ein Buch des prominenten Männlichkeitsforschers Thomas Gesterkamp „Jenseits von Feminismus und Antifeminismus. Plädoyer für eine eigenständige Männerpolitik“. Paul Hentze/Kim Posster warnen daher: „Männlichkeit kann so ‚entgiftet‘ werden und gestärkt wieder auferstehen. Hier ist vor allem interessant, was nicht als toxisch-männlich verhandelt wird: zum Beispiel Leistungsethos, Sportlichkeit und das Selbstbild des Versorgers (der Familie). Als gäbe es keinen Zusammenhang zwischen Misogynie und männlicher Selbstdisziplinierung, Körperkontrollidealen und Grenzverletzungen sowie vergeschlechtlichter Arbeitsteilung und Sexismus“. Der „Toxik“-Begriff kann also dazu dienen, sich zwischen Selbstoptimierung und Konkurrenz um den Titel „Bester Mann“ zu verlieren und eine rundum-renovierte hegemoniale Männlichkeit befördern. Dabei handelt es sich nicht um eine rein akademische Theorie-Debatte um den korrekten Begriff. Die praktischen Auswirkungen in Bezug auf männliche Übergriffigkeit zeigt der oben bereits zitierte Text eines pro-feministischen Cafés aus Leipzig auf: „So kann zum Beispiel ein modernerer Mann, der als Täter in einer intimen Beziehung nicht auf Schläge mit der Faust, sondern auf Gaslighting, Psychologisieren und emotionale Manipulation zurückgreift, auch im Sinne der Legitimation seiner Täterschaft ein Interesse an der Unterscheidung zwischen ‚kritischer‘ und ‚toxischer‘ Männlichkeit haben“. Auch wenn es wichtig ist, zwischen verschiedenen Männlichkeitstypen und deren gewaltförmiger Wirkung zu differenzieren, besteht die Gefahr, sich zu sehr auf das Adjektiv (toxisch etc.) zu fixieren und die Kategorie Männlichkeit aus dem Blick zu verlieren. Dies gilt in ähnlicher Weise auch für laut Selbstauskunft erklärtermaßen nicht-toxische, nämlich feministische Männer.

Feministische Männer – nur ein strategisches Label?

Es existieren viele Formen linker Männlichkeit, einige exemplarische Typen seien im Folgenden benannt:
der Antifa-Macker mit den Quarzhandschuhen in der Arschtasche
der grölende Fussball-Ultra
der alles organisierende Kader
der autonome Streetfighter
der stets oberkörperfreie Hippie
der dauerpalavernde Theorie-Macker
der ganz normale Mehrheits-Linke, der die Wirkung seines männlichen Auftretens nicht auf dem Schirm hat

Daneben existiert auch der feministische Mann. Er ist häufig knietief in der urbanen (queer-)feministischen, undogmatisch-hedonistischen Szene verankert, kennt die Inhalte feministischer Theorie und die einschlägigen feministischen Codes aus dem FF. Gewisse Formen des männlichen Umgangs sind ihm als „prollig“ verpönt, punktuell werden sich queere Praxen wie lackierte Fingernägel angeeignet. Und eben jenem Typus können auch einige der Männer, die zuletzt als Täter von grenzüberschreitendem/übergriffigen Verhalten geoutet wurden, zugerechnet werden. Zum Teil wurden dabei offenbar auch Machtpositionen ausgenutzt, die nicht ausschließlich dem Geschlecht entspringen, mit diesem jedoch intersektional verbunden sind (Alter, kulturelles Kapital, Arbeitsbeziehungen etc.). Wie kommt es dazu, dass Männer, die sich als feministisch bezeichnen, zum Teil mehrfach und über Jahre die Grenzen von Frauen überschreiten? Wie geht das: „Nach außen für den Feminismus, aber leider frauenfeindlich“ (Bilke Schnibbe)?

Wir haben dafür keine umfassende Erklärung, aber verschiedene Ansätze. Sicher kann man in bestimmten Kreisen mit feministischen Codes symbolische/soziale Bonuspunkte einfahren. Die diskursive feministische Hegemonie in manchen linken Kreisen kann mitunter den Effekt befördern, dass sich Männer über die Identifizierung als Feminist in der Männerkonkurrenz günstig positionieren möchten. Jeja Klein beschreibt diese spezifische Männlichkeit, die mit politischer Moral punktet: „Männlichkeit konstituiert sich zu einem guten Anteil in der beständigen Abgrenzung von anderen, vermeintlich schlechteren Männern. […] Wo sich Männlichkeiten für gewöhnlich an „Asis“, vermeintlichen Ausländern, Schwulen, Pädophilen, Gymnasiasten, Bürgersöhnchen, Weicheiern oder Mackern abarbeiten, halten sich linke Männer für besonders intellektuell, rebellisch, unabhängig, moralisch, feinfühlig oder kriegerisch. Dazu gehört das von den meisten abgetrotzte Lippenbekenntnis, irgendwie auch profeministisch […] zu sein“.

Der Feministen-Bonus verspricht mitunter einen moralischen Mehrwert, die praktische Umsetzung der rhetorischen feministischen Ansprüche erfolgt häufig nur begrenzt. „Nach außen für den Feminismus“ kann auch bedeuten, dass sich die bekannte Trennung privat/öffentlich in einer linken Variante fortsetzt. In der Öffentlichkeit der linken Szene verhält mann sich korrekt und zurückhaltend, besucht feministische Veranstaltungen und gendert in Polit-Texten. Im privaten Alltag kann es dann schon anders aussehen: in der WG wird nicht gespült, der männliche Redeanteil in WG-Diskussionen soll auch nicht mit der Stechuhr gemesssen werden, und Gefühls- und Sorgetätigkeiten werden nicht oder nur bedingt übernommen. In einem feministischen Zine berichten Frauen von entsprechenden Erfahrungen. Sie haben verschiedene Muster der links-feministischen Männlichkeit ausgemacht, etwa „Der Hahn im Korb“ (sich mit vielen Frauen umgeben), „a man is an island“ (Probleme und Konflikte mit sich selbst ausmachen), „Sprachlosigkeit“ (sich bei Kritik zurückziehen), „Überforderung“ (bei Kritik seine eigene Verletztheit in den Vordergrund stellen und dadurch Trost der Frauen einzufordern) oder „Verlagerung ins Persönliche“ (patriarchale Muster als individuelles Verhalten entpolitisieren). In diesem Zine heißt es über die emotionale Arbeitsteilung zwischen den linken Geschlechtern: „Nahe, offene, liebevolle Freundschaften zwischen cis-Männern sind […] eher ungewöhnlich. Viele unserer cis-männlichen Freunde und Bekannten umgeben sich mit (cis-)Frauen in ihren Freund_innenkreisen, die quasi selbstverständlich die Beziehungsarbeit in diesen übernehmen […] Verstärkt wird das noch dadurch, dass vielen cis-Männern beigebracht wurde, es sei wertvoll den eigenen Willen gegen den der anderen durchzusetzen – was Machozüge annehmen kann. Es kann aber auch das ‚Man-baby‘ sein, dem es immer schlecht geht und um das sich alle kümmern.“

In dem Text eines anderen Magazins wird das Phänomen des „post-feministischen Mackers“ kritisiert, der „gerne davon faselt, dass und WIE gut er Frauen eigentlich behandelt […] Verabredet man sich […] aber auf ein Getränk mit ihm, weil man ihn für einen coolen Typen hält und auf gute Gespräche hofft, sieht man sich am Ende des Abends nicht selten in Erklärungsnot, warum man jetzt nicht automatisch Bock auf [Geschlechtsverkehr] hat […] Vom unterirdischen Umgang mit Frauen seiner männlichen Freunde möchte er sich deutlich abgrenzen, auf ihre Gesellschaft beim allwöchentlichen Sauf- und Koksgelage aber dennoch nicht verzichten“. Hier wird die soziale Nähe (mancher) linker Feministen zu übergriffigen Männern genannt. Mit den anderen Männern verbindet sie vorwiegend der Party-Exzess und die Politik, mit den Frauen das Emotionale und Sexuelle. Selbstverständlich verurteilen sie sexuelle Gewalt, finden vielleicht sogar das Definitionsmacht-Prinzip gut und schreiten ggf. auch bei Übergriffen Dritter ein. Die eigene Tendenz zur Grenzüberschreitung wird jedoch abgespalten. Zudem werden Übergriffe in der undogmatischen Linken in Relation zum gesellschaftliche Durchschnitt vermutlich noch häufiger im Party- und Drogen-Kontext verübt, also in Situationen, wo das Über-Ich aussetzt – oder man sich zumindest im Nachhinein darauf berufen kann.

Feministische Männer als gespaltene Subjekte!
Auch wenn sich aus dem Label „Feminist“ in manchen linken Milieus moralischer Mehrwert ziehen lässt, wäre es unseres Erachtens falsch, den entsprechenden Männern eine reine Inszenierung oder bloße strategische Aneignung des Begriffs „Feminist“ zu unterstellen. Vielmehr zeigt sich hier eine Männlichkeit im Widerspruch zwischen fortwesender traditioneller und transformierter moderner Männlichkeit einerseits, feministischen Anforderungen andererseits. Jenseits des feministischen Anspruchs wesen auf einer meist vorbewussten, der theoretischen Auseinandersetzung wenig zugänglichen Ebene männliche Muster von Körperlichkeit, Eigen- und Fremdwahrnehmung, Kommunikation und einem grundlegenden Mangel an Empathie fort. Eine Genossin, die diesen Text vorab begutachtete, bemerkte, dass auch linke Männer vielfach nicht fähig seien, sich emotional in andere hineinzuversetzen. Da sie diese Kompetenz nicht gelernt hätten, könnte sie auch nicht als fehlend erkannt werden. Man könne ja sogar wollen und nicht können. Gerade die Graubereiche und das Nicht-Intentionale in einer Betrachtung (linker) Männlichkeit sei so interessant und bliebe oft unberücksichtigt. Laut Kim Posster handelt es sich um „Männer, … die trotz subjektiver Ablehnung des Patriarchats in tiefen libidinösen, sozialen und ökonomischen Bindungen wie Abhängigkeiten von Männlichkeit leben“. Die Widersprüche ziehen sich durch die männlichen Subjekte durch, es entsteht eine „gespaltene Subjektivität“, wie es ein Genosse formulierte, der diesen Text vorab las. Gerade angesichts der weitgehenden gesellschaftlichen Irrelevanz der Linken, die sich schon aus ihrer zahlenmäßigen Schwäche ergibt, und der Übermacht des gesellschaftlich tief verankerten Patriarchats kann dieser Widerspruch kaum individuell von den einzelnen Subjekten und auch nur bedingt vom marginalen linksradikalen Kollektiv aufgelöst werden. Frühkindlich erlernte Verhaltensmuster und psychische Dispositionen, Leistungsethiken der Produktionssphäre, mediale Männerbilder oder, ganz banal, die samstägliche Präsenz betrunkener Fussballfans oder cooler Typen im Club lassen sich nicht einfach durch einzelne Workshops oder Gesprächsrunden wegreflektieren.

Dieser Widerspruch, als Mann sozialisiert zu sein und in einer patriarchalen Gesellschaft zu leben, und sich andererseits in einem vom Feminismus mit beeinflussten Milieu zu bewegen, wird jedoch nicht szene-öffentlich diskutiert. Meist vermutlich auch nicht privat – oder nur in sehr intimem Rahmen. Es entsteht eine Tabu-Situation: das individuell von den feministischen Männern Verdrängte wird auch kollektiv, von der Szene, verdrängt. Das widersprüchliche Spannungsverhältnis verschärft sich dadurch noch, es entsteht die Gefahr einer subjektiven Krise. Diese Krise wird von manchen Männern stillschweigend ausgehalten. Andere entfliehen ihr durch verschiedene Abwehrmechanismen, etwa eine politische Abkehr von der feministischen Linken, Re-Tradionalisierung von Männlichkeit, misogyne Verbal-Angriffe auf einzelne weibliche Feminist_innen oder punktuelles Ausleben von (sexuellen) Aggressionen und Grenz-überschreitungen. Da es so gut wie keine Räume gibt, wo angstfrei mit der beschriebenen Wider-sprüchlichkeit umgegangen werden kann, wird dann also das (partiell) feministische Über-Ich wieder durch die verdrängten, ansozialisierten männlichen Macht- und Herrschaftsimpulse ersetzt, die entweder nur in spezifischen Situationen oder sogar dauerhaft wieder die Oberhand gewinnen.

Jeja Klein hat in dem Text „Die Angst vor den Feministinnen“ eindrücklich beschrieben, wie diese gespaltene Subjektivität und das Männlichkeitsdilemma sich in sexueller Hinsicht artikulieren: „Sexuelle Lust, die in männlich dominierten Gesellschaften zutiefst mit Gewalttätigkeit verwickelt ist, mit Dominanz, Unterwerfung, Eroberung, Besitz und Benutzung, bekommt bei linken Männern dadurch noch eine intensivere, deutliche Nachprägung: die der Angst vor der Bestrafung. Linke Frauen sind schlicht wesentlich mächtiger als vereinzelte, nichtlinke Frauen ohne feministische Aufklärung und weibliche Solidarität. […] Dadurch gewinnen linke Frauen eine unheimliche Macht […] sexuelle Macht vermittels ihrer Körper, politische Macht vermittels ihrer Organisation als Frauen, moralische Macht vermittels des Selbstbewusstseins ihrer objektiven gesellschaftlichen Lage. Das klassische Männlichkeitsdilemma, als Mann autonom sein zu sollen, als Begehrender jedoch vom weiblichen Gegenüber zutiefst abhängig zu sein, verschärft sich bei linken Männern […] Dadurch erleben sich diese Männer noch stärker als sonst ihres gewohnten Einflusses und ihrer Autonomie beraubt […] Sie wollten die großen Antworten auf die historisch drängende Revolution geben – und verheddern sich in scheinbar kleingeistigen Liebeskonflikten.“

Bei aller psychischen Verwickeltheit ins Patriarchat, bei aller Zwangsprägung durch die Gesellschaft und trotz aller immer wieder gescheiterten Befreiungsversuche: Die beschriebenen Männlichkeitsdynamiken sind kein unabänderliches Schicksal, und Männer sind ihnen nicht komplett ohnmächtig ausgeliefert. Allzulang ist eine explizite pro-feministische Praxis von Männern vernachlässigt worden. Dazu im Folgenden noch einige praktische Gedanken.

Für eine pro-feministische Praxis von Männern!

Sicher ist Reflektion über die eigene Verstrickung in das Patriarchat für Männer ein wichtiger Baustein in der Auseinandersetzung mit Männlichkeit. Darauf hat kürzlich Bilke Schnibbe hingewiesen: „Männer, auch solche, die keine Täter sind, haben Misogynie, Frauenfeindlichkeit, verinnerlicht, die sie sich selbst nicht eingestehen können, weil das ihren bewussten Werten entgegensteht […] Es reicht nicht, auf die anderen, die vermeintlich wirklich schlimmen Männer zu zeigen, es ist vielmehr nötig, in sich selbst nach misogynen Impulsen, Wünschen und Abgründen zu suchen, um für diese Verantwortung übernehmen zu können“. In den letzten Jahren ist in diesem Zug der Begriff des „Ally“ zunehmend in Mode gekommen. Der Ally soll seine eigene Position reflektieren, Privilegien abgeben und die Unterdrückten unterstützen. Aus unserer Sicht kann der Ally, der Kuchen backt für die feministische Veranstaltung und sich auf die reine Unterstützerposition zurückzieht, nur bedingt ein positives Modell sein. In seiner Weigerung, als Ally eigene Position zu beziehen zu übernehmen, kann er mitunter sogar dem oben zitierten „Man-Baby“ ähneln. Wie die „Gruppe ff“ schrieb, darf die Verantwortung von Männern nicht auf „passive Hilfsgesten“ reduziert werden: „Damit wird ihnen die eigene gesellschaftliche Analyse des Patriarchats abgenommen und somit auch die Beantwortung der Frage, welches Interesse sie selbst an seiner Abschaffung haben könnten“. Statt „Wohlfühlblasen“ brauche es neben FLINT-Räumen auch „solidarische Bündnisse“ von weiblichen und männlichen Feminist_innen.

Als eine Form des pro-feministischen Engagements werden zuletzt immer wieder die autonomen Männergruppen der 1990er-Jahre zitiert, deren Wirken z. T. in den online archivierten „Männer-Rundbriefen“ archiviert ist. Bilke Schnibbe dazu: „Die profeministische Männerbewegung […] hat sicherlich […] Grundlagen gelegt. Hier braucht es ein deutlich stärkeres Engagement profeministischer Männer, die antifeministische Wendungen und Ausflüchte in der Männerarbeit konkret parieren können. Das ist allerdings auch kein Allheilmittel, da aus Männergruppen schnell männerbündische Strukturen entstehen können, in denen man oberflächlich feministisch an sich arbeitet, während misogyne Grundhaltungen unangetastet bleiben.“ Eine solche pro-feministische Bewegung von Männern müsste also auf dem schmalen Grat wandeln zwischen der Solidarität mit den betroffenen Frauen und Queers, der Auseinandersetzung mit der eigenen, letzten Endes zu überwindenden Männlichkeit, sowie den versteinerten patriarchalen Verhältnissen, die Abweichungen von der männlichen Norm mitunter rigide bestrafen. Männer sollten sich also über den Besuch einzelner, in letzter Zeit recht beliebter Workshops zu „Kritischer Männlichkeit“ hinaus dauerhaft pro-feministisch organisieren, auch um nicht die Last der Auseinandersetzung mit dem Patriarchat auf die weiblichen Feminist_innen abzuwälzen. Inwieweit hier eigene Männer-Gruppen besser geeignet sind als gemischt-geschlechtliche Zusammenhänge, können wir derzeit nicht beurteilen.

In welcher Form auch immer: die Männer sollten in engem Austausch mit Frauen/Queers stehen, um die spezifischen Erfahrungen und Interessen der Letzteren immer wieder neu mitzudenken, aber auch um eigenen patriarchalen Tendenzen entgegen zu wirken. Dieser Spagat kann nicht ohne Fehler, ohne Verunsicherungen und Auseinandersetzung ablaufen. Bilke Schnibbe meint, daher „sollten Linke eine Fehlertoleranz in dieser Solidarität entwickeln, jedoch diejenigen, die Fehler machen, nicht aus der Verantwortung entlassen. Es braucht eine Streitkultur, die eine klar antisexistische und solidarische Haltung mit Betroffenen verteidigt und zugleich Fehler und Widersprüchlichkeit aushalten kann.“ Mittels einer solchen Fehlerkultur und Streitbereitschaft könnte zwar die oben skizzierten Aufspaltung nicht vollständig aufgehoben, aber immerhin ihren grenzüberschreitenden und gewaltförmigen Konsequenzen entgegen gewirkt werden.

Aus unserer Sicht sollte die Reflektion und Organisierung auch zu einer inhaltlichen Schärfung radikaler, anti-identitärer Männlichkeitskritik führen. Edgar J. Forster definiert Männlichkeitskritik als „Analyse alltäglicher sexistischer Praktiken, der diese Praktiken zugrundeliegenden patriarchalen und phallozentrischen Strukturen. Männlichkeitskritik ist Machtkritik. […] Offen ist dieses Projekt, weil Männlichkeitskritik keine neuen Männerbilder entwirft. Männlichkeitskritik bezieht ihre Kraft nicht aus der ‚Krise von Männlichkeit‘, sondern aus der Lust auf ein anderes Begehren“. Ein Begehren, so verstehen wir es, nicht als Lust auf eine alternative Männlichkeit, sondern als Befreiung von den Fesseln männlicher Identität. Auch wenn es wichtig ist, zwischen verschiedenen Männlichkeitstypen und deren Auswirkungen auf Frauen zu unterscheiden: aus unserer Sicht ist Männlichkeit grundsätzlich nicht positiv reformierbar. Statt Kritischer Männlichkeit fordern wir eine radikale Kritik der Männlichkeit mit dem perspektivischen, derzeit leider utopischen Ziel ihrer Abschaffung. Die Aufhebung der bipolaren Geschlechterordnung sollte nicht auf eine Vervielfältigung von Identitäten zielen, sondern Geschlecht als soziale Strukturkategorie und als Form/Identität/Habitus überwinden. Männer sollten an dieser Bewegung der Kritik mindestens ebenso wie Frauen und Queers mitarbeiten, und können hier zudem ihre spezifischen Perspektiven aus der Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Männlichkeit mitbringen.

In Bezug auf den Anlass dieses Textes, sexuelle Übergriffe in der Linken, sollten pro-feministische Männer dringend auf breiterer und verbindlicher Basis praktisch werden. Hierzu mehrere Vorschläge, die wir aus der einschlägigen Literatur gezogen haben:
Prävention z. B. durch entsprechende Bildungsarbeit, inhaltliche Positionierung in linken Räumen, Mitdenken des Themas Übergriffe bei linken Veranstaltungen und Parties etc.
In Diskussionen gehen/kontinuierliches Ansprechen des Themas, ohne dass es dazu konkreter Ereignisse oder Druck von Seiten von Frauen bedarf
eigeninitiativ einen Blick für dominantes/aufdringliches Verhalten und sexuelle Grenzüberschreitungen von Männern entwickeln und diese Männer ansprechen, ohne sich selbst als „besseren Mann“ zu inszenieren
Empathie erlernen/in empathischen Kontakt mit Frauen zu dem Thema treten und praktische Schritte anzubieten, die Frauen entlasten können (z. B. grenzüberschreitende Männer anzusprechen)
transformative Arbeit mit Tätern leisten
Gruppen bilden, die Betroffene in Fällen sexueller Gewalt unterstützen

Das sind viele kleine Schritte auf dem Weg zu einer Veränderung. So mühselig das sein kann, so wenig sollte diese Arbeit als Einschränkung oder zusätzliche Last (Nebenwiderspruch?) im Polit-Alltag verstanden werden. Es sind Schritte auf dem Weg vom patriarchal geprägten Mann zum freien Mensch. Hin zu einer „Zukunft des Mannes, in der er vielleicht eines Tages gar keiner mehr sein wird – in der er sich also den Zuschreibungen entziehen und frei sein, Mensch sein wird, ohne ein eingehegtes Andere dazu zu brauchen, ohne sich selbst einzuhegen“ (Carolin Wiedemann). Oder, wie es das Bündnis „drift – feminist alliance for communism“ ausdrückt: „Dies wäre eine Gesellschaft, in der Geschlecht nicht mehr mit Zuschreibungen verknüpft ist und somit kein reproduktives Organ den Verlauf eines gesamte/n Lebens bestimmen kann. Wir kämpfen für eine Gesellschaft, in der alle ohne Angst verschieden sind, in der Menschen lieben, wen sie wollen und selbst über ihre Körper verfügen“.

gruppe 8. mai – Sektion Männer
achtermai.blogsport.de

Ganz herzlichen Dank an alle Genoss*innen, die in den letzten Wochen mit g8m
diskutiert haben und deren Gedanken den Text entscheidend mit geprägt haben.


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