Neuer Text: Für eine linksradikale Israel-Solidarität!

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Leider kam es in den letzten Jahren wieder zu einem Anwachsen der sogenannten Israelkritik in linken Kreisen. Mit dem Text „Für eine linksradikale Israel-Solidarität!“ (siehe unten oder klickt auf das obige Bild für ein gelayoutetes PDF) wollen wir daher sowohl eine Kritik des Antizionismus leisten als auch begründen, wieso eine linksradikale Israel-Solidarität notwendig ist. Wir möchten dazu aufrufen, die Diskussion um Antizionismus in Theorie und Praxis wieder engagiert zu führen.

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Für eine linksradikale Israel-Solidarität!

„Warum dieser Haß gegen Israel? […] Erträgt der Antisemit es eben doch nicht, einen selbstbewussten, starken Juden vor sich zu haben?“
Sammy Speier

Warum dieser Text.
In den letzten Jahren kam es wieder zu einem Anwachsen der sogenannten Israelkritik in linken Kreisen. Träger des linken Antizionismus sind in Berlin einerseits klassisch antiimperialistische Strukturen wie der stalinistische „Jugendwiderstand“, Teile der Linkspartei, oder auch die leninistische MLPD, die zur Bundestagswahl 2017 eine Liste mit der antisemitischen Terrortruppe PFLP bildet. Andererseits haben sich neue antizionistische Strukturen gebildet, etwa FOR Palestine, Berlin Against Pinkwashing, die Jewish Antifa Berlin und weitere Gruppen wie das Bündnis gegen Rassismus. Zudem hat sich BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) als international agierendes Netzwerk in den letzten Jahren etabliert und unterhält auch einen Ableger in Berlin. Die zuletzt genannten Gruppen agieren großteils unter den Vorzeichen von „Critical Whiteness“ sowie in der queeren Szene. Dieser „Neo-Antizionismus“ kann auch als Ergebnis der UN-Konferenz von Durban 2001 betrachtet werden, die Antizionismus als antirassistisches Paradigma festschrieb. Über einzelne Shitstorms und Facebook-Diskussionen hinaus gab es in der näheren Vergangenheit aber wenig inhaltliche Kritik an den alten und neuen Antizionist_innen. Dabei kann in der Linken in Deutschland auf eine lange Geschichte der Auseinandersetzung um Israel, aus der viel gelernt werden kann, geblickt werden.

Grundsätzlich ist auffällig, dass auch jenseits des antizionistischen Milieus große Teile der linken Szene in Berlin Antisemitismus – in welcher Form auch immer – nicht ernst nehmen oder entsprechende Auseinandersetzungen als „Szenekrieg“ abtun. Die meisten Linken solidarisieren sich weder theoretisch noch praktisch mit Betroffenen von Antisemitismus. Als Indiz sei auf die Abwesenheit der Linken auf der Demo nach dem Angriff auf einen Rabbiner in Friedenau oder der Demo gegen das Beschneidungsverbot 2012 verwiesen, aber auch auf ausbleibende linke Reaktionen etwa nach einem Angriff auf einen jüdischen Transmenschen 2013. Erst vor wenigen Monaten wurde der Fall eines Juden, der aufgrund antisemitischer Angriffe seine Schule (wieder in Friedenau) verlassen musste, medial breit rezipiert – erneut blieben Reaktionen aus der Linken Fehlanzeige. Große Teile der linken Szene in Berlin unterstützen jüdische Kämpfe sowie Kämpfe für die Interessen von Überlebenden der Vernichtung nicht. Z. B. gab es kaum Support für eine 2017 gestartete Petition zur sofortigen Auszahlung von Ghetto-Renten an alle hochbetagten Überlebenden der deutschen Vernichtungspolitik, die letzten Endes gerade einmal von 190 Personen unterzeichnet wurde. Offenbar haben viele Linke in Berlin auch keinen theoretischen Begriff von Antisemitismus. Dieses Problem hängt zum Teil mit dem derzeit angesagten Intersektionalitätsparadigma zusammen, in dessen race-gender-class-Trias Antisemitismus nicht einfach integriert werden kann. Jüd_innen werden so entweder als „weiß“ und „privilegiert“ kategorisiert – oder Antisemitismus wird als Element von Rassismus definiert und damit unsichtbar gemacht, weil die Spezifika des Judenhasses nicht mehr gedacht werden.

Insbesondere die weite Verbreitung von Antizionismus in Deutschland wird aktuell in der Linken kaum reflektiert. Jüd_innen wird die Definitionsmacht über ihre Erfahrungen und über Antisemitismus nicht zugestanden und zum Teil offen abgesprochen, es sei denn sie agieren als Antizionist_innen. Die Präsenz von jüdischen Personen und insbesondere von israelsolidarischen bzw. nicht-antizionistischen Jüd_innen wird damit erschwert bis verunmöglicht. Jüd_innen werden damit aus der linken Szene ähnlich wie aus der Dominanzgesellschaft ausgeschlossen bzw. gesilenced. Mit diesem Text wollen wir daher sowohl eine Kritik des Antizionismus leisten als auch begründen, wieso eine linksradikale Israel-Solidarität notwendig ist.

Warum Israel. (Eine andere Erzählung)
Pläne zur Gründung einer jüdischen Heimstätte im damaligen Palästina gab es schon lange vor 1948. Ziel war es, eine „öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina“ (Theodor Herzl) zu errichten, dadurch den Schutz in eigene Hände zu nehmen und nicht von Dritten abhängig zu sein, um die Sicherheit für dort lebende Jüd_innen zu gewährleisten. Das zionistische Projekt verstand sich als Antwort auf den europäischen Antisemitismus, war jedoch auch durch andere Faktoren geprägt, u.a. den damaligen Kolonialismus. Zugleich war der zionistische Kampf paradoxerweise auch eine anti-koloniale Bewegung, nämlich gegen die britische Kolonialmacht. Großbritannien ging trotz der Balfour-Declaration von 1917 vor allem in den 1930er und 1940er Jahren vehement und mit militärischen Mitteln gegen die Errichtung eines jüdischen Staates vor. Um das von den Brit_innen installierte Grenzregime zu überwinden, organisierte die Jewish Agency eine massive illegale Einwanderung. Auffälligerweise sind diese Illegalisierten kein positiver Bezugspunkt für die antirassistische Linke, die sonst die „Autonomie der Migration“ und das selbstbestimmte Überwinden von Grenzen begrüßt. Großbritannien zögerte damals nicht, rücksichtlos gegen die Geflüchteten vorzugehen, geflohene Jüd_innen in Massenlagern zu internieren oder sogar nach 1945 wieder nach Deutschland und sogar in ehemalige KZs wie Bergen-Belsen zurück zu senden. Zunehmend geriet die britische Kolonialmacht jedoch unter politischen, militärischen (durch zionistische Paramilitärs) und moralischen Druck sowie in einen Zweifrontenkrieg zwischen Zionist_innen und nicht-jüdischen Araber_innen. Schließlich wurde von der UN ein Teilungsplan verabschiedet, der die Gründung eines israelischen Staates einschloß.

Wie komplex auch immer die Entstehungsgeschichte Israels ist, die hier nur in einigen wenigen Schlaglichtern erzählt werden kann, fest steht: ohne die Shoah, den von den Deutschen als Volksgemeinschaft im Zweiten Weltkrieg unternommenem Versuch, alle Jüd_innen weltweit zu vernichten, wäre es nicht zur Gründung des jüdischen Staates gekommen. Die Shoah war der Kulminationspunkt des modernen Antisemitismus und zugleich eine bisher präzedenzlose Vernichtungstat. Die Shoah ist damit nicht nur ein besonders schreckliches Massaker, sondern das schlimmste bisher begangene Verbrechen mit universaler Bedeutung – wurde doch versucht, alle Jüd_innen weltweit, vom Kind bis zum Hochaltrigen, zu ermorden. Die Vernichtung war zuallererst deutsche Wertarbeit, jedoch auch ein europäisches Projekt: konnten sich die Deutschen doch auf die aktive Mitarbeit oder zumindest antisemitisch motivierte Passivität vieler Bürger_innen der kollaborierenden und auch der besetzten Staaten verlassen. Durch ein gezieltes militärisches Eingreifen der Alliierten hätte die Shoah zudem früher gestoppt werden können. Zumindest wäre die Zahl der Opfer reduziert worden, hätten die Alliierten ihre Grenzen für die zahlreichen jüdischen Geflüchteten geöffnet. Doch im Großen und Ganzen gab es keine Hilfe von Außen: „Die juden und jüdinnen mussten schmerzlich erfahren, dass die welt zwar gegen deutschland krieg führte, die befreiung der juden und jüdinnen oder wenigstens die zerstörung der gaskammern und krematorien von auschwitz keine priorität besaßen.“ (sinistra!). Die Grenzen der allermeisten Staaten waren dicht, ähnlich wie heutzutage, wo Geflüchtete von den westlichen Staaten, in die sie wegen deren Glücksversprechen fliehen, abgewiesen werden.

Das Zusammenwirken von deutsch-kapitalistischem Vernichtungswahn und westlich-kapitalistischer Flüchtlingsabwehr schuf eine für die meisten Jüd_innen ausweglose Situation. Die Voraussetzungen, dass sich eine solche Situation heutzutage wiederholt, sind nicht aus der Welt: der Kapitalismus wurde nicht abgeschafft, ja sogar offener Antisemitismus wurde maximal in einigen Ländern der Welt eingedämmt oder mit einem Kommunikationstabu belegt. Es besteht daher die Notwendigkeit einer organisierten Selbstverteidigung aller potenziellen Opfer des Antisemitismus, um eine mögliche Wiederholung der Vernichtung zu verhindern. Während bis zum Zweiten Weltkrieg die zionistische Idee keine Mehrheit unter Jüd_innen finden konnte, änderte sich dies mit dem deutschen Verbrechen. In einer Welt aus Staaten konnte der Zionismus nur in staatlicher Form realisiert werden – mit all den damit leider verbundenen Konsequenzen: herrschaftliche Verfasstheit, Kreation nationaler Mythen, Ausschließung der „Anderen“ durch Grenzziehung, Aufstellung von Polizei und Armee zur bewaffneten Sicherung des Territoriums, „ursprüngliche Akkumulation“ einer Staatsbevölkerung etc. Kurz gesagt, zeichnet sich das 1948 gegründete Israel durch einen Doppelcharakter aus: einerseits gewöhnlicher, herrschaftsförmig organisierter Staat, andererseits Ort der politischen Emanzipation der Jüd_innen und Instrument ihrer bewaffneten Selbstverteidigung.

Wie notwendig eine solche staatliche Formierung ist, wurde Israel unmittelbar aufgezeigt: kaum gegründet, wurde es unmittelbar von sechs arabischen Staaten angegriffen – und konnte nur durch Waffenlieferungen aus sozialistischen Staaten fortbestehen. Neben der Flucht und Vertreibung von nichtjüdischen Araber_innen aus dem nun israelischen Staatsgebiet kam es in der Folge übrigens auch zur Vertreibung mehrerer hunderttausender Jüd_innen aus arabischen und muslimischen Staaten – ein historisch und in der Linken kaum beachteter Fakt. Auch in den letzten Jahren sind wieder viele Jüd_innen nach Israel ausgewandert, weil sie den Antisemitismus in den europäischen Ländern nicht mehr ausgehalten haben – allein aus Frankreich waren es zuletzt jährlich mehrere Tausend.

Warum Antizionismus.
Antizionismus und Israelkritik, allein die Begriffe sind schon bemerkenswert: gibt es doch keine vergleichbare Frankreich-, Schweden-, Ungarn- oder Argentinienkritik. Damit wird deutlich: Israel wird nicht wie alle anderen Staaten wegen bestimmter Handlungen kritisiert, sondern besonders stark fokussiert – und grundsätzlich, in seiner Gesamtheit, abgelehnt. Im Gegensatz zu anderen Staaten, bei denen dann und wann einmal die Regierung kritisiert wird, wird im Falle Israels gleich zum Boykott aufgerufen – ein Boykott, der sich nicht nur gegen die Politik richtet, sondern gegen die komplette israelische Wirtschaft, Kultur und Akademie. So wurde in San Francisco zum Boykott des Besuchs einer LGQBT-Jugendgruppe aufgerufen – einfach nur wegen der israelischen Herkunft der Jugendlichen. Selbstverständlich würde niemand je auf die Idee kommen, eine Gruppe tschechischer Bierbrauer_innen zu boykottieren, weil in Tschechien Romnja massiv diskriminiert werden, oder dazu aufzurufen, eine französische Croissantmarke aufgrund der Vernachlässigung der Pariser Banlieues zu meiden. Hingegen wird die komplette israelische Gesellschaft – vom Siedler hin zum Radiohead-Fan, vom Rechten zum Linken, von der Gläubigen hin zur Atheistin – in Geiselhaft genommen für die angeblichen oder tatsächlichen Untaten ihrer Regierung. Und das mit einer sehr starken politischen Energie, obwohl der israelische Staat an sich mit seinem Gebiet, das ungefähr die Größe Hessens aufweist, und einer Bevölkerung von wenigen Millionen Menschen geopolitisch völlig irrelevant ist, gerade im Vergleich mit riesigen Nationen wie China, Indien, Russland oder Brasilien.

Vordergründig wird im Gegensatz zum alten Antisemitismus Israel meist nicht rassistisch, sondern scheinbar antirassistisch kritisiert. Man bringt die Menschenrechte in Stellung und vergleicht regelmäßig Israel mit Nazideutschland – durch diese moralische Rhetorik ist der Antizionismus in der Lage, breite Gesellschaftsschichten anzusprechen. Dabei schimmern in der antizionistischen Argumentation immer wieder die alten antisemitischen Stereotype auf: Israel wird beispielsweise als „künstlicher“ Staat bezeichnet, der nicht wie andere Nationen „natürlich“ gewachsen sei. Obwohl alle Nationen menschengemacht sind, wird somit die alte Lüge, die Jüd_innen seien kein wirkliches Volk, ihnen hafte etwas Abstraktes und Unnatürliches an, wiederholt. Auch wird Israel vorgeworfen, das Wasser der Palästinenser_innen zu vergiften – im christlichen Antijudaismus hieß es früher, „die Juden“ würden Brunnen vergiften. Selbst das alte Stereotyp der besonderen jüdischen Macht taucht immer wieder auf, wenn etwa suggeriert wird, Israel habe eine besonders starke (jüdische) Lobby in den USA, die insgeheim die nordamerikanische Außenpolitik lenke.

Mit dem ständigen Verweis auf sein moralisches Defizit werden an Israel Doppelstandards angelegt, die für andere Staaten nicht gelten, und Israel wird dämonisiert und delegitimiert. Aus herrschaftskritischer Sicht fällt zudem auf, dass die Unterstellung, es handele sich bei Menschenrechtsverletzungen oder Militarismus um besondere Attribute Israels, die Einsicht in den generell gewaltförmigen Charakter von Staatlichkeit verstellt. So wird Israel gerne ein „schmutziger Krieg“ angelastet – implizit also das Phantasma eines sauberen, gerechten Krieges begründet. Staaten im Kapitalismus dienen jedoch grundsätzlich nicht der Verbesserung der humanitären Situation, sondern dem Zweck, die geeigneten Rahmenbedingungen für die Akkumulation des Kapitals zu setzen – und bedienen sich dazu eines ausgefeilten Sets an Herrschaftstechniken bis hin zum offenen Krieg. Die antizionistische Projektion zieht durch die Unterstellung, Israel agiere besonders verbrecherisch, das gesamte Aggressionspotential der falschen Gesellschaft auf einen Punkt zusammen – die Israelis werden als Alleinschuldige dargestellt. Nicht umsonst wird Israel immer wieder in europäischen Umfragen als angeblich größte Gefahr für den Weltfrieden benannt. Zugleich verunmöglicht der Antizionismus die Einsicht in die destruktive Natur des kapitalistischen Staates, indem sich die Antizionist_innen moralisch den ‚verbrecherischen Israelis’ überlegen fühlen.

Mit dem von der BDS-Bewegung favorisierten Mittel des Boykotts wird sich zudem einer kleinbürgerlichen Taktik bedient. Der Boykott hat nicht die ökonomische Schwächung zum Ziel, sondern die Radikalisierung des Konfliktes und die Isolation Israels. Eine solche Form des Boykotts steht communistischen Taktiken des Arbeitskampfes wie Streik und Sabotage diametral entgegen und ergeht sich in der Illusion, über den ethisch richtigen Konsum bzw. die Konsumvermeidung eine Änderung der Gesellschaft herbeizuführen. Die Produktionssphäre als Ort der Ausbeutung und als grundlegender Herrschaftsbereich im Kapitalismus bleibt jedoch vom Boykott unberührt. Zudem wird im konkreten Fall auch noch gegen die realpolitischen Interessen vieler palästinensischer Arbeiter_innen gehandelt, die – natürlich unter oft schlechten Bedingungen – bei israelischen Firmen angestellt sind. Der Antizionismus inszeniert sich gerne als rebellisch, „kritisch“ und moralisch, stellt jedoch durch sein Abspaltungstheorem – böser jüdischer Staat vs. gute restliche Völkergemeinschaft – eine letzten Endes reaktionäre Versöhnung mit den Herrschaftsformen von Staat und Kapital dar.

Vielen unreflektierte Linke neigen dank seiner menschenrechtlich inspirierten Rhetorik zum Antizionismus. Dabei verkörpert dieser letzten Endes nicht nur das Gegenteil von Herrschaftskritik, sondern auch das Gegenteil von Emanzipation. Bewusst oder unbewusst, verfolgt der Antizionismus das gleiche Ziel wie der alte Antisemitismus, nämlich den Tod der Jüd_innen. Dies spiegelt sich weltweit in erschreckender antisemitischer Gewalt im Namen des Antizionismus wider – nicht nur in palästinensischen suicide bombings, sondern auch in Angriffen auf Synagogen in Europa, hochaggressiven Parolen auf anti-israelischen „Friedensdemonstrationen“ oder in Übergriffen auf israelische Tourist_innen in Berlin.

Warum nicht in Deutschland.

In Deutschland regiert eine Staatsräson, die sich gerne pro-israelisch gibt – begründet mit der „besonderen Verantwortung der Deutschen“ für die Jüd_innen. Darin zeigt sich schon eine paternalistische Haltung – statt von Verantwortung zu schwafeln, sollten die Deutschen einfach ihre Klappe halten und ihr Land auflösen. Doch Deutschland besteht leider weiter, und die Existenz Israels erinnert die Deutschen immer wieder an die Untaten ihrer Vorfahren. Daher gibt es in Deutschland unterhalb der offiziellen Politik, aber auch durch die Staatsräson hindurch einen massiven Hass auf Israel. Vor einigen Jahren etwa schloss sich der Bundestag über alle Parteigrenzen hinweg zu einer einstimmigen Resolution gegen Israel zusammen – ein sehr ungewöhnlicher Vorgang. Der besondere Hass auf Israel wird auch regelmäßig in entsprechenden Umfragen deutlich: Zustimmungsraten von 57% zu Äußerungen wie „Israel führt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“ und 38% zur Aussage „Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat“ („Deutsche Zustände“, 2010) verdeutlichen, dass Antizionismus ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist. Laut einer anderen Umfrage denken sogar 70% der Deutschen, Israel „verfolgt seine Interessen ohne Rücksicht auf andere Völker“, 59% halten Israel für ein „aggressives Land“, und 58% der Deutschen „ist [Israel] fremd“. Zugleich forderten fast 60% 2015 einen „Schlusstrich unter die Judenverfolgung“. Natürlich haben die allermeisten dieser Deutschen nichts dagegen, wenn Deutschland seine Interessen „ohne Rücksicht auf andere Völker“ verfolgt, etwa im Kosovo-Krieg oder im EU-Türkei-Deal gegen Geflüchtete. Die Gewaltförmigkeit des Staates wird von den Befragten nicht bei Deutschland, sondern nur am jüdischen Staat kritisiert.

In Deutschland kommen also Antizionismus und der sekundäre Antisemitismus – der Hass auf die Jüd_innen wegen Auschwitz – zusammen. Davon kann auch nicht ablenken, dass einige Fraktionen der neuen Rechten sich als pro-israelisch ausgeben, weil sie Israel als Vorkämpfer gegen den Islam sehen. Es ist daher wichtig, dass die Linke Antisemitismus als mörderische Ideologie ernst nimmt und entschieden bekämpft. Seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 war die Linke in Deutschland stark anti-israelisch – deutsche Linke haben sich an Selektionen von Israelis/Jüd_innen bei Flugzeugentführungen beteiligt (Entebbe), eine Bombe in ein jüdisches Gemmeindehaus geworfen (Berlin) oder vom „Judenknacks“ (Dieter Kunzelmann) schwadroniert. Dabei wurden die Israelis als „der Feind aller Menschen“ (Autonome Nahostgruppe Hamburg 1989) bzw. als die neuen Nazis dargestellt: „Aus den vom Faschismus vertriebenen Juden sind selbst Faschisten geworden, die in Kollaboration mit dem amerikanischen Kapital das palästinensische Volk ausradieren wollen“ (Schwarze Ratten/Tupamaros Westberlin). Die bis heute bestehende Berliner Autonomen-Zeitschrift „Interim“ brachte den Wunsch vieler Linker 1992 auf die einfache Formel: „Israel muß weg!“. In den letzten Jahren wurde Israel von Linken immer wieder als angeblich besonders rassistischer Staat kolonialer Siedler_innen bezeichnet und mit dem südafrikanischen Apartheidssystem verglichen. Der Kampf gegen Israel wurde als antirassistische Solidarität mit den „Unterdrückten“ aus den palästinensischen Gebieten neu interpretiert, etwa in der Parole „Black Lives Matter – From Ferguson to Palestine“. Auch wenn es selbstverständlich in Israel Rassismus gibt: es ist keineswegs emanzipatorisch, die Opfer der mörderischen Apartheid durch den Vergleich mit dem grundsätzlich demokratisch verfassten Israel zu relativieren6. Ebensowenig ist es sinnvoll, in Deutsch-Europa, das sich durch die mörderische Abschottung seiner Grenzen und durch tobende rassistische Mobs auszeichnet, andauernd auf den Rassismus in einem weit entfernten Landstrich zu verweisen. Insbesondere fällt auf, dass die palästinensischen Geflüchteten nur in ihrem Kampf gegen Israel unterstützt werden – ihr Schicksal in den jordanischen und libanesischen Camps, wo sie zu Hunderttausenden rechtlos und verarmt leben, interessiert die Antizionist_innen nicht.

Mit Links für Israel!
Nach dem antisemitischen Terrorakt vom 11.9.2001 wurde in der Linken in Deutschland eine sehr breite Debatte über Antizionismus geführt. Dabei kam es zum Teil zu gewalttätigen Übergriffen von Antisemit_innen, aber auch zu rassistischen Ausfällen und Abspaltungen von der Linken. Diese Debatte ist 15 Jahre alt, vieles ist in Vergessenheit geraten. Wir möchten dazu aufrufen, die Diskussion um Antizionismus in Theorie und Praxis wieder engagiert zu führen. Die Linke sollte sich dem primären Antisemitismus – etwa körperlichen Angriffen auf Jüd_innen in der Öffentlichkeit – wie dem sekundären Judenhass – zum Beispiel der fortdauernden Verweigerung finanzieller Zahlungen an die Opfer des Nationalsozialismus und den Rufen nach einem „Schlussstrich“ – entgegenstellen. Darüber hinaus treten wir ein für eine offensive, linksradikale Israel-Solidarität.

Wir suchen dabei kein neues Heimatland in Israel – unsere Solidarität ist nicht-identitär, denn wir sind keine israelischen Bürger_innen oder Fans dieses Landes, sondern leben als Communist_innen in und gegen Deutschland. Zugleich ist unsere Solidarität mit Israel bedingungslos: weder verklären wir das israelische Essen und Nachtleben noch loben wir die lebendige Demokratie oder besondere Toleranz der israelischen Gesellschaft. Auch betreiben wir keine Außenpolitik-Simulation oder wollen als Militärberater_innen bei der IDF anheuern. Ganz nüchtern geht es einzig und allein um diesen Punkt: dass Auschwitz nie wieder sei, und Israel sich, solange es nötig ist, gegen seine antisemitischen Feind_innen verteidigen kann. Dieses Vorhaben versuchen wir, durch den Angriff auf den deutschen Antisemitismus in all seinen Formen zu unterstützen. Die Linke sollte diesen Kampf als selbstverständlichen Teil ihres Kampfes gegen Rassismus, Kapitalismus und für eine bessere Welt, in der man als Individuum „ohne Angst verschieden sein kann“ (Theodor W. Adorno), verstehen.

Am längsten lebe Israel – Deutschland das Existenzrecht entziehen!

gruppe 8. mai [bln – hh – nyc]


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